Josephinenhütte

Josephinenhütte

„Schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann“, sagte einst Tucholsky. Auch wenn Markus Molitor über seine Weine spricht, scheint es, als wären sie lebendige Wesen, als hätten sie alle eine eigene Persönlichkeit inklusive Seele. So fällt es nicht schwer, seine Liebe und Hingabe für das Genussgetränk ganz und gar nachzuvollziehen, wenn man ein paar Takte mit ihm spricht. Molitor ist einer der bekanntesten Winzer Europas, besonders gefeiert für seine Rieslinge, gilt er als Retter der Moselsteillagen. Bereits mit 20 Jahren übernahm er das väterliche Weingut 1984 mit dem Ziel, an den Weltruhm der Mosel-Rieslinge vor 100 Jahren anzuknüpfen und die vernachlässigte Weinregion nachhaltig zu fördern. Zahlreiche Auszeichnungen, Molitor-Weine in den besten Restaurants und Exporte in mehr als 50 Länder gehören zum Status Quo. Sein anfängliches Ziel sollte also erreicht sein. Was treibt ihn an, sich nichtsdestotrotz jeden Tag des Jahres mit jeder Zelle seines Körpers dem Thema Weinanbau zu widmen?

Besucht man ihn auf seinem Weingut inmitten malerischer Moseler Gebirgslandschaften, bekommt man nur eine Ahnung, wie groß sein Wein-Königreich ist. 120 Hektar Weinberge bewirtschaftet Molitor mittlerweile an Mosel und Saar. Das Haus Klosterberg ist sein „Headquarter“, hier lebt der 55-Jährige mit seiner Familie, beherbergt seinen 3-stöckigen unterirdischen Weinkeller und betreibt das Tagesgeschäft in seiner öffentlich zugänglichen Vinothek. Wer sich hier eine rustikale Gaststätte mit Geweihen an der Wand vorstellt, liegt daneben. Kahle weiße Wände, Gewölbebögen, historische Materialien gepaart mit zeitgenössischem Minimalismus, eine 15 Meter lange Holztafel mit nichts als aufgetischten Weingläsern fangen den Blick ein. „Puristisch, absolute Konzentration auf das Wesentliche.“ so Molitor. Wein bekommt hier etwas Sakrales. Bei der Verköstigung geizt Molitor nicht mit der Auswahl, je mehr Facetten die Gäste von seinen Weinen zu schmecken bekommen, desto besser, von trocken bis feinherb, fruchtig hinzu edelsüß. Auch die Gläser sucht er mit Akribie aus. Jedes Josephinenhütte-Glas hat er vorab getestet und sich schließlich für das Universalglas entschieden.

"Spannend, anders, großzügig. Ein hervorragendes Glas, das die subtilen Aromen und die Feinheit unserer Weine bestens betont"

Seine Weine ließe er nur in die hochwertigsten Gläser fließen. Wenn man seine Arbeit verfolgt, wird klar, warum. In jedem Tropfen liegt sorgfältigste Detailliebe hinzu genialem Wahnsinn. Angefangen mit der Pflanzung neuer Weinberge und der Frage, welche Genetik man nimmt: „Wir pflanzen spezielle Reben mit alter Genetik, weil wir nicht auf Ertrag, sondern auf Qualität abzielen, immer im Zusammenspiel mit den geografischen Bedingungen. Das ist Kulturlandschaft, man kann beeinflussen, wie was wächst.“ Sich für den Anbau Strategien auszudenken, die dann im wahrsten Sinne des Wortes fruchten, sei großartig. Auf dem Weg zum fertigen Tropfen wird jeder Arbeitsschritt geprüft, jede Beere wird von Molitor und seinem internationalen Team begutachtet und von Hand ausgelesen, bevor sie weiterverarbeitet wird. Das ganze Jahr über herrscht Hochbetrieb und Molitor ist in allen Themen operativ involviert. „Von früher lernen bedeutet für mich kompromisslose Handarbeit und Selektion im Weinberg, Ernte und Präzision im Keller verbunden mit dem Wissen und der Erfahrung um Natur, Traube und Weinbereitung.“

Es gibt immer wieder die Momente, für die Markus Molitor brennt. Der erste Schluck vom Fass, des ersten Ertrags, die jungen Weine zu trinken und die unterschiedlichen Lagen genau herauszuschmecken, sei unvergesslich. „Natur pur!“ so Molitor. Während momentan die Zeit der Planung, Vorarbeit in den Weinbergen, Kontrolle der Gärung angebrochen ist und die Weinberge eher karg anmuten, kann man sich auf den Frühling freuen, wenn alles blüht, sich das Tal saftig grün färbt und es im Frühsommer überall nach Rebblüte riecht. Daran kann sich auch ein erprobter Markus Molitor nicht sattsehen und -riechen. Im Herbst beginnt dann die Erntezeit, die wohl heftigste Zeit im Winzeralltag. An Urlaub ist da für Molitor nicht zu denken – dass er überhaupt seit ein paar Jahren in den Urlaub fährt, hat er wohl seiner Frau und Kindern zu verdanken, die ihn immer wieder an sein privates Vergnügen erinnern. Doch auch das verbindet er am liebsten mit seiner Passion Wein, wozu für ihn auch gutes Essen gehört. Seine Mutter hatte schließlich ein eigenes Restaurant für französische Küche, während sein Vater ebenfalls leidenschaftlicher Winzer war. Durch einen Schicksalsschlag wurde Markus Molitor schon als Kind in die Welt der Weine eingeführt: Sein Vater erlitt durch einen Unfall eine Lähmung im rechten Arm, wodurch sein Sohn ihm den rechten Arm im Weinkeller ersetzen musste. Die Begeisterung für Weine gärte in ihm. Für ihn war so schon früh klar, dass er das Lebenswerk seiner Familie weiterleben und ausbauen möchte. Für seine Söhne würde sich Molitor ebenfalls wünschen, sich später mal mit Herzblut im Weingut zu engagieren. „Wenn sie nicht den Weg einschlagen, ist’s auch okay. Wünschenswert wäre es aber, vielleicht ja auch, nachdem sie andere Jobs ausprobiert haben.“ Immerhin ändert und modernisiert sich die Winzerkultur in kleinen Schritten, beispielsweise finden mehr und mehr junge Frauen den Weg in die noch sehr männerdominierte Branche. Markus Molitor hofft, dass er zukünftig noch mehr Kolleginnen dazu gewinnen wird und sich der nachhaltige Weinanbau mit weniger Bürokratie auseinandersetzen muss. Bis dahin kann ihn eh niemand davon abbringen, jede Sekunde für seine Leidenschaft zu leben und zu kämpfen. Wie er es schafft, bei der Arbeitsauslastung Ruhe zu finden? Abends wandert Molitor gerne in seinem Weinkeller auf und ab und probiert sich in aller Seelenruhe durch die Fässer, um die Gärungen zu kontrollieren, aber auch um jeden seiner Weine zu würdigen, wie seine Schäfchen.

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